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Der
Bericht “Indigene Territorien und Demokratie in Guatemala
unter Druck” wurde von acht Solidaritätsorganisationen
mit Guatemala aus verschiedenen Ländern Europas und Nordamerikas
verfasst. Die gesammelte Information beruht auf der im Zuge
des Projekts ACOGUATE durchgeführten Begleitarbeit und
Menschenrechtsbeobachtung in den Regionen von Huehuetenango
und San Marcos. Der Fokus des Berichts liegt vor allem auf dem
Fall der Goldmine Marlin, die sich im Munizip von San Miguel
Ixtahuacán befindet, wo Acoguate seit 2005 präsent
ist. Dort wurde die Begleitarbeit nach einer Anfrage der “Asociación
para el Desarrollo Integral de San Miguel Ixtahuacán”
(ADISMI) aufgenommen, deren Mitglieder einer Serie von Drohungen
und Einschüchterungen ausgesetzt waren.
Im
einleitenden Teil wird auf den Kontext der Problematik des Abbaus
natürlicher Ressourcen näher eingegangen, indem die
politischen Strategien der verschiedenen Regierungen seit den
Friedensverträgen beschrieben werden. Besonders umstritten
sind neben den etwa 40 Wasserkraftwerken, deren Bau schon in
Gang gesetzt wurde, die 350 gewährten Lizenzen für
den Abbau von Bodenschätzen. Alle diese Projekte wurden
an den Privatsektor vergeben, während die Beteiligung des
Staates marginal bleibt. Die öffentliche Hand zeigt sich
außerdem unfähig, ihrer Verantwortung im Bereich
der Sozialleistungen gerecht zu werden, und überlässt
damit auch dieses Feld der privaten Initiative. Parallel dazu
werden von staatlicher Seite die Privatisierungsprozesse durch
eine freigiebige Lizenzvergabe gefördert und mittels eines
Diskurses legitimiert, der diese Projekte unter den Deckmantel
der Entwicklung stellt. Zugleich verteidigt der Staat dieses
Modell mit einem repressiven Vorgehen seiner Ordnungskräfte
und einer Kriminalisierung von Widerstandsbewegungen.
Im
folgenden Teil werden lokale, in der Gemeinde abgehaltene Volksbefragungen
als legitime Maßnahmen der politischen Beteiligung und
Teil eines Widerstandsprozesses dokumentiert. Viele Gemeinden
greifen auf den Mechanismus der Volksbefragung zurück,
da sie sich durch Konzessionen bedroht fühlen, die den
Abbau von natürlichen Ressourcen in ihren Gebieten vorsehen.
Diese Befragung der Bevölkerung wird als demokratischer
Informations-, Sensibilisierung- und Entscheidungsprozess gesehen,
der besonders jenen Gemeinden eine Stimme verleihen soll, die
vom Entwicklungsmodell des Staates und der Privatinitiative
betroffen sind. Die Volksbefragungen sind sowohl in der Verfassung
der Gemeinde (Código Municipal), in der von Guatemala
ratifizierten Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation
(ILO) als auch in der Verfassung der Republik verankert, die
in mehreren Artikeln das Recht der indigenen Bevölkerung
betont, vor der Vergabe von Lizenzen zur Ausbeutung von natürlichen
Ressourcen in ihren Territorien befragt und informiert zu werden.
Bis zum heutigen Zeitpunkt fanden 36 lokale Volksbefragungen
mit mehr als 500.000 TeilnehmerInnen vor allem in den Gemeinden
des Hochlands Guatemalas statt, in denen die Ablehnung des Abbaus
der natürlichen Ressourcen in der von den transnationalen
Konzernen und vom guatemaltekischen Staat vorgesehenen Form
zum Ausdruck gebracht wurde. Auch ein Urteil des Verfassungsgerichtshofes,
der die Resultate der ersten Volksbefragung in Sipakapa als
nicht bindend erklärt hatte, konnte die Abhaltung weiterer
Volksbefragungen nicht bremsen.
Im
weiteren Verlauf dokumentiert der Bericht den Fall der Mine
Marlin in San Miguel Ixtahuacán, wo im Jahre 2005 Montana
Exploradora nach mehreren Jahren verschiedener Forschungsaktivitäten
und Untersuchungen die Abbauphase eröffnet hat. Montana
ist ein Subsidärunternehmen des kanadischen transnationalen
Konzerns Goldcorp und baut mittels des Tagebau-Verfahrens in
Gebieten der Gemeinde San Miguel Ixtahuacán und Sipakapa
Gold und Silber ab. Die Gemeinden befinden sich in der Region
von San Marcos, die vor allem von den indigenen Volksgruppen
der Mam und Maya Sipakapense bewohnt werden und deren Bevölkerung
durch eine hohen Armutsrate gekennzeichnet ist (79%).
Wie aus den Aussagen mehrerer ZeugInnen hervorgeht, wurde die
Bevölkerung vor der Vergabe der Lizenzen zur Prüfung,
Untersuchung und Abbau der Mine nicht informiert oder befragt.
In vielen Fällen waren bei dem Erwerb der Gebiete durch
die Konzerne Betrug, Drohungen oder Nötigung im Spiel,
das betroffene Land wurde zu sehr niedrigen Preisen erlangt,
machmal unter dem Vorwand seiner Verwendung für Saatprojekte.
Vor allem Angestellte des Bergbauunternehmens fühlen sich
aus Angst ihre Arbeit zu verlieren unter Druck gesetzt, ihr
Land zu verkaufen, wodurch Montana seine Förderungsflächen
weiter vergrößern kann.
Gleichzeitig
gehen die Abbauaktivitäten mit einem erheblichen Anstieg
des Konfliktniveaus in der Region einher. VertreterInnen der
Gemeinden beklagten zahlreiche Einschüchterungen, Drohungen
sowie körperliche Attacken, die sie mit ihrer ablehnenden
Haltung zur Minentätigkeit in Zusammenhang bringen, und
weisen auf die starke interne Spaltung der Gemeinden hin. Diese
Spaltungen wurden durch Aktionen, mittels derer minenfeindliche
Haltungen kriminalisiert wurden, weiter verstärkt.
Inmitten
dieses konfliktreichen Kontexts werden außerdem Versuche
des Konzerns genannt, die sogenannte ”soziale Lizenz”,
die Unterstützung der Gemeinde, zu gewinnen, um die Kontinuität
der Abbauaktivitäten sicherzustellen. So initiierte die
von Montana finanzierte Stiftung Sierra Madre (Fundación
Sierra Madre) verschiedene Sozialprogramme und übernahm
unter anderem die Finanzierung von LehrerInnen sowie des Gesundheitszentrums.
AnrainerInnen weisen jedoch darauf hin, dass der versprochene
und durch den Konzern besonders ausführlich betonte Fortschritt
nicht der generellen Situation der Gemeinden entspricht. Unterdessen
garantiert die Minengesetzgebung dem Unternehmen optimale Bedingungen,
da sie nur eine einprozentige Besteuerung der Gewinne vorsieht.
Davon geht eine Hälfte an die Gemeinde, die andere an die
Regierungsinstanzen.
Gleichzeitig
zeichnen sich die Umweltbelastungen der Minentätigkeit
ab. Davon ist einerseits vor allem das unmittelbare Abbaugebiet
betroffen, das durch mehr als 60 Bohrlöcher unter offenem
Himmel, einen 50 m² großen Schacht sowie Schlammablagerungen
auf einem Gebiet im Ausmaß von 1500 m² verunstaltet
wurde. Die Verschmutzung verschiedener Flüsse betrifft
andererseits die gesamte Region, in der im Zuge einer an mehreren
Punkten durchgeführten Analyse ein erhöhter Metallgehalt
im Wasser nachgewiesen wurde. Untersuchungen haben weiters ergeben,
dass das Wasser für menschlichen Konsum nicht geeignet
ist. Hinzu kommen Risse und Ritze in den Wänden, Dächern
und Böden der Häuser, was laut Meinung mehrerer AnrainerInnen
auf das konstante Zirkulieren von schweren LKWs sowie auf die
ständigen unterirdischen Explosionen zurückzuführen
ist.
Die
in der Gemeinde San Miguel Ixtahuacán herrschende Konfliktivität
lässt sich anhand einer Kette von Vorfällen veranschaulichen,
die sich im Jänner 2007 ereigneten: Aufgrund von nicht
zufriedenstellenden Antworten seitens des Unternehmens zu den
Auswirkungen der Mine, ergebnislosen Verhandlungen sowie eines
tätlichen Angriffs durch ein Mitglied des Sicherheits-Teams
des Konzerns wurden die vier Zugangswege zur Mine von GemeindevertreterInnen
blockiert. Die Blockade wurde 13 Tage später nach der Ankunft
von Polizei- und Militärkräften sowie angesichts des
Versprechens von Montana aufgehoben, mit Verhandlungen zu beginnen.
Als Folge der Ereignisse wurden aber dennoch sieben Haftbefehle
erlassen sowie Anklage gegen 23 Personen erhoben, die zu einem
Gerichtsprozess gegen sieben AnführerInnen führte.
Zwei der angeklagten Personen wurden schließlich schuldig
befunden, Sicherheitskräfte des Unternehmens schwer verletzt
zu haben. VertreterInnen der Gemeinde wiesen nach diesem Schuldspruch
jedoch darauf hin, dass der Konzern mit diesen juridischen Aktionen
gegen BäuerInnen versuche die Wiederstandsbewegung einzuschüchtern.
Diese Strategie der Kriminalisierung wiederholte sich im Jahre
2008, als Anschuldigungen gegen acht Frauen erhoben wurden,
nachdem eine elektrische Leitung des Konzerns blockiert wurde,
die durch das Land der Frauen führte.
Diese
Folge an Ereignissen, die die spannungsgeladene Situation in
der Gemeinde veranschaulicht, veranlasste AktionärInnen
von Goldcorp, eine unabhängige Evaluierung der Situation
der Menschenrechte zu fordern, um die Auswirkungen der Minentätigkeit
bewerten zu können. Doch als im Zuge der Ausarbeitung des
Berichts Zweifel an der Unparteillichkeit der Untersuchungen
aufkamen, beschloss ein Teil der an der Ausarbeitung interessierten
Gruppen, sich von dem Prozess zurückzuziehen.
Abschließend
erklärt der Bericht, wie die Verletzung des Rechts auf
lokale Volksbefragungen und vorhergehende Information der betroffenen
Bevölkerung ein hohes Konfliktpotential sowohl auf nationaler
als auch auf Ebene der Gemeinden in sich birgt. Weiters wird
der fehlende Wille der jeweiligen Regierungen angeprangert,
auf die Sorgen der AnwohnerInnen einzugehen und die abgehaltenen
Volksbefragungen anzuerkennen. Stattdessen werden die Interessen
jener Akteure verteidigt, die den Abbau der natürlichen
Ressourcen vorantreiben. Diesem fehlenden Willen wird ein großer
Teil der Verantwortung für die Erzeugung des angespannten
und konfrontativen Klimas in den jeweiligen Regionen zugeschrieben.