Liebe
Guatemala- FreundInnen,
Der
Tropensturm 12E hat Guatemala in den Tagen zwischen dem 12.
und 19. Oktober verwüstet. Rund drei Viertel des Landes
erlebten das Unwetter mit. Laut offiziellen Angaben sind über
478.000 Menschen betroffen, es gab 35 Tote, 6 Menschen werden
noch vermisst. 23.000 Personen wurden evakuiert, knapp 12.700
sind in Notunterkünften untergebracht. Über 16.200
Häuser sind durch Erdrutsche und Regenfällen beschädigt
worden. Erdrutsche, über die Ufer getretene Flüsse
und zerstörte Brücken erschwerten für eine Woche
den Transport und die Kommunikation, auch auf den Hauptverkehrsstraßen,
wie der Interamericana und an den Grenzübergängen.
Laut Schätzungen von Fijate wurden 738 Schulhäuser
beschädigt oder zerstört, was 3% derBildungsstätten
entspricht.
Paradoxerweise
fehlt es nun in den betroffen Gebieten an sauberem Wasser: Durch
die Wassermassen, die sich mit Düngemitteln vermischt haben,
wurden viele Brunnen verseucht. Durch die unzureichenden hygienischen
Bedingungen breiten sich Krankheiten und Durchfall schneller
aus. Es wird geschätzt, dass 70 % der Ernten ausfallen
werden, vor allem Mais, Bohnen, Sesam und Gemüse. Die Katastrophensituation
wird zum Dauerzustand: Schon letztes Jahr wurde eine Ernte durch
den Sturm Agatha verloren. Mittel- und langfristig droht eine
weitere Verschärfung der Hungersnot. Schon jetzt ist die
Hälfte der Kinder in Guatemala chronisch unterernährt!
Laut Fijate sind auch diesmal vor allem Regionen betroffen,
deren sozialer Standard niedrig ist und die vorwiegend von indigenen
Bevölkerungsgruppen bewohnt werden. Der Rat der Institutionen
für Entwicklung (COINDE) erwartet einen 50%-igen Anstieg
bei den Preisen der Grundnahrungsmittel, was besonders die sozial
schwächeren Schichten treffen wird.
Die
“Antwort” der staatlichen Institutionen:
Am 16. Oktober rief Präsident Alavaro Colóm den
nationalen Notstand für 30 Tage aus. Doch anstatt schnell
die Soforthilfe zu organisieren, wird diese aus politischem
Kalkül blockiert, da der Kongress die Soforthilfe nicht
genehmigen will: Dies ist auf Machtspiele zwischen dem noch
amtierenden Präsidenten und den am 6. November zur Stichwahl
um das Präsidentenamt antretenden Parteien zurückzuführen
ist. CONRED, der staatlichen Koordinationinstanz für die
Verringerung der Auswirkungen von Katastrophen, sind dadurch
zunächst die Hände gebunden. Zudem wird einigen BürgermeisterInnen,
die am 11. September nicht wieder gewählt wurden und nur
noch bis Anfang Januar im Amt sind, vorgeworfen, sich nicht
ausreichend um die Behebung der Schäden zu bemühen.
Derweil bessern die großen Stiftungen von Großunternehmern
wie der Familie Castillo ihr Image auf und vermarkten selbst
in dieser Notsituation ihre Produkte, indem sie sich als Sammelstelle
für Nahrungsmittel anbieten.
In
El Salvador, das genauso von dem Unwetter betroffen ist, ist
die Analyse allgemein verbreitet, dass die Region zwar anfällig
für Unwetter ist, dass aber das Ausmaß der die Katastrophe
auf Menschenhand zurückzuführen ist: Als Faktoren
werden unter anderem die Planung, wo und wie Häuser gebaut
und Straßen angelegt werden, die Begradigung von Flüssen,
Entwaldung, fehlende Bildung über das Verhalten in Katastrophen
genannt. Diese Interpretation ist in Guatemala selten zu hören,
auch wenn die Folgen dieser Faktoren mindestens ebenso offensichtlich
sind.
Auch
die Situation der vertriebenen Gemeinden im Polochic (siehe
Newsletter und Spendenaufruf) hat sich durch die Regenfälle
weiter verschlimmert. Eine Gemeinde, die sich am Ufer des Flusses
Polochic, angesiedelt hatte, musste erneut umsiedeln, da der
Fluss über die Ufer trat. Die Vertriebenen werden nicht
in den Listen der Betroffenen des CONRED geführt und sind
über mehrere Gemeinden verstreut. Mit Verweis auf ihrer
fehlenden Registrierung in diesen Listen wird ihnen der Zugang
zu den Gesundheitsstationen verwehrt. Die Ernährungs- und
Gesundheitslage ist kritisch, besonders Kinder und alte Menschen
sind von Unterernährung bedroht.
Den
im Juni von der Interamerikanische Kommission für Menschenrechte
angeordneten Schutzmaßnahmen für die 800 im März
vertriebenen Familien ist die Präsidentenkomission für
Menschenrechte auch 6 Monate nach der Vertreibung nicht nachgekommen
(siehe Urgent Action von Amnesty International). GemeindeanführerInnen
werden von der privaten Sicherheitsmännern des Unternehmens
Chabil Utzaj eingeschüchtert und mit Mord bedroht. Ein
Gemeindemitglied starb als die Gemeinden bei der Vertreibung
der Gemeinden im März. Am 21. Mai wurde ein weiterer Mann
getötet und drei weitere verletzt als sie nach ihrer Ernte
auf dem umstrittenen Land schauten. Am 3. August wurden drei
Mitglieder der Gemeinde Paraná durch Schüsse von
der privaten Sicherheitsfirma verletzt. Auch Organisationen,
die die Gemeinden unterstützen, und internationale Menschenrechtsbeobachter
wurden eingeschüchtert und bedroht.
Am
27. Oktober ist eine weitere Gemeinde am Rande der Finca Paraná
durch die privaten Sicherheitskräfte vor den Augen der
anwesenden Polizei vertrieben worden. 22 Familien sind von dieser
gewaltsamen Räumung betroffen. Dies geschah zum gleichen
Zeitpunkt als eine Delegation der Gemeinden aus dem Polochic
vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte
in Washington die Erfüllung der Schutzmaßnahmen und
Entschädigung für die durch die Vertreibung entstandenen
Schäden forderte. Zudem forderte sie den Staat auf, die
Landfrage endlich zu lösen und die Einschüchterung
durch die Sicherheitsfirma und paramilitäre Gruppen strafrechtlich
zu verfolgen.
Die
vertriebenen Gemeinden sind doppelt verletzlich, ihr legitimer
Kampf für die Erfüllung der Schutzmaßnahmen
wird kriminalisiert und durch ihren nicht anerkannten Status
als Vertriebene bleibt ihnen der Zugang zu Hilfeleistungen verwehrt.
Deshalb rufen wir neuerlich zu Spenden für diese Vertriebenen
im Polochic Tal auf und bitten um Spenden auf das Konto der
Guatemala Solidarität Österreich, unter Verwendung
folgender Bankdaten:
Kontonummer 51 382 662 001
Bank Austria, BLZ. 12000
Verwendungszweck: „Polochic Soforthilfe“
Mit
diesen Spendengeldern werden (vor allem) Mais und andere Lebensmittel
für die betroffenen Personen eingekauft. Für die Überweisung
der Gelder sind wir mit der Guillermo Toriello-Stiftung (FGT)
in Kontakt, die im Polochic-Tal präsent ist und die Verteilung
der Lebensmittel organisiert.
Sowohl
die Guillermo Toriello-Stiftung als auch die Guatemala Solidarität
sind sich bewusst, dass dies eine Soforthilfemaßnahme
ist. Die Gemeinden und die FGT fordern weiterhin den Staat auf
seiner Schutzpflicht nachzukommen und die strukturelle Ursache
des Konfliktes zu lösen und endlich den Zugang zu Land
für die betroffenen Kleinbauern zu ermöglichen. Insofern
ist auch Ihre politische Unterstützung unbedingt notwendig.
Amnesty International hat eine Eilaktion herausgegeben, die
bis zum 29. November gültig ist und für die wir einen
Beispielbrief formuliert und über den Info-verteiler geschickt
haben.
Weitere
Quellen zur aktuellen Situation:
- Landkarte der immer noch von den Folgen des Unwetters betroffenen
Orte, Stand 25.10.2011 http://conred.gob.gt/www/images/stories/Mapas/situacion-actual/Situacion25_Oct_2011.jpg
- Plaza Publica.Wendy en Guatemala, el País de Nunca
Jamás
http://www.plazapublica.com.gt/content/wendy-en-guatemala-el-pais-de-nunca-jamas
- Fijate 496.
-
Informe Regional No. 7 emitido por la Secretaría Ejecutiva
del CEPREDENAC
por la Depresión Tropical 12 E y las lluvias intensas
que han afectado a la región
Centroamericana http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/reliefweb_pdf/node-453914.pdf